Kerzencharts (Candlesticks)

Die besondere Bedeutung der Kerzencharts

Die Kerzencharts zeichnen sich vor den übrigen Chartsystemen dadurch aus, daß sie gleichzeitig ein eigenes Prognosesystem darstellen. Sie verfügen also über alle Muster, die es auch bei den Bar-Charts gibt, haben darüberhinaus aber noch eigene Muster und Prognosetechniken.
Außerdem sind sie für eine Reihe von Verfahren besser geeignet, z.B. für das Traden an Widerstands-und Unterstützungslinien und bei einigen Techniken, wie etwa bei Murrey, sind sie sogar zwingend erforderlich.

Weiterhin ist zu beachten, daß die Kerzencharts das meist verwendete Hilfsmittel in Ostasien sind und ein wachsender Teil der Geldströme wird von dort kontrolliert.

Die Kerzencharts wurden in den 1980ern sehr populär in Europa und den USA, danach folgte eine Welle der Ernüchterung. Die Gründe dafür liegen in der falschen Verwendung dieses Chartierungsmittels.

Die europäischen Trader betrachten die einzelnen Kerzenformationen isoliert als Einzelindikator, ähnlich wie dies auch manche Computerprogramme tun, die Kerzensignale auswerten. Als Einzelindikator haben solche Formationen jedoch nur eine Trefferquote von unter 50%, dies ist natürlich immer noch ganz gut, wenn man bedenkt, daß Zufallstreffer höchstens 33% ergeben, da die Kurse nicht nur steigen oder fallen, sondern auch seitwärts gehen können, jedoch ist es nicht genug, um für sich allein genommen das Traden zu rechtfertigen.

In Japan dagegen waren die Kerzencharts traditionell ein Mittel, um die Kurse in einem fast meditativ zu nennenden Prozess zu verfolgen. Dabei spielt jede einzelne Kerze eine Rolle, nicht nur isolierte Formationen. Sie wird in ihrer Aussage und Bedeutung betrachtet unter Berücksichtigung der Marktstimmung und des gesamten Geschehens davor. Es ist also ein Hilfsmittel, das eine sehr lange Übungszeit benötigt.

Man kann jedoch das Verfahren abkürzen, indem man die Kerzen mit anderen Indikatoren verbindet. Auch empfiehlt es sich, ihre Signale in erster Linie nur dann zu beachten, wenn sich die Kurse auf Widerstands- und Unterstützungslinien befinden oder zumindest in der Nähe. Überhaupt alle technischen Verfahren, die Widerstands- und Unterstützungslinien liefern, sind hervorragend geeignet.

Man muß diese einzelnen Formationen kennen, sie bestehen häufig aus sehr vielen Kerzen,man kann sie also nicht auswendig lernen, da sie jedesmal etwas anders sind. Hier scheitern Computerauswertungen und das isolierte Denken in einzelnen Kerzenformationen.

Ganz wichtig ist die Beachtung des Zeithorizonts der Kerzensignale. Dieser ist sehr kurz, ein Muster etwa aus zwei Kerzen weist nur um zwei Kerzen in die Zukunft, ein Muster aus drei Kerzen nur um drei Kerzen in die Zukunft. Dies gilt als Faustregel. Größere Muster aus vielen Kerzen weisen zwar etwas länger in die Zukunft, aber nicht sehr viel mehr.


Lange Körper / kurze Körper

Lange Körper zeigen eine große Kaufs- bzw. Verkaufsaktivität an. Je länger der Körper ist, desto stärker ist der Kaufs- bzw. Verkaufsdruck.
Kurze Körper hingegen deuten auf sehr geringe Kauf- bzw. Verkaufsaktivität hin.

Lange, weiße Körper bedeuten hohen Kaufdruck, je länger die weiße Kerze ist, desto höher liegt der Schlusskurs im Vergleich zum Eröffnungskurs. Dies zeigt, dass die Käufer sehr aggressiv im Markt waren.
Umgekehrt kann man bei langen schwarzen Kerzen darauf schliessen, dass die Verkäufer die Oberhand behalten haben und der Schlusskurs deutlich unter dem Eröffnungskurs liegt.


Kerzen-Schatten

Die oberen und unteren Schatten einer Kerze sind für uns sehr aufschlussreich.

Obere Schatten kennzeichnen das Hoch des jeweiligen Zeitrahmens, untere Schatten dazu analog das Tief.

Candlesticks mit langen Schatten zeigen uns, dass viel Tradingaktivität ausserhalb der Eröffungs- und Schlusskurse zu verzeichnen war.
Wenn eine Kerze einen langen oberen Schatten und einen kurzen unteren Schatten hat, bedeutet das, dass zwar die Käufer sehr aktiv waren, aber- aus welchen Gründen auch immer die Verkäufer die Oberhand gewonnen, und den Preis wieder nach unten gedrückt haben.
Dasselbe gilt analog für lange untere Schatten und kurze obere Schatten.



Wichtige Candlestick-Muster

Spinning Tops

Kerzen mit langen Schatten nach oben und unten, aber kleinen Körpern nennt man „Spinning Tops“.

Diese zeigt die Unentschlossenheit der Käufer und Verkäufer.
Sowohl die Käufer als auch die Verkäufer haben viel Bewegung erzeugt, schlussendlich hat keiner der beiden Gruppen die Oberhand gewinnen können und der Kurs hat sich zwischen Eröffnung und Schluss kaum verändert.
Wenn so eine Kerzenfigur während eines Aufwärtstrends entsteht, bedeutet das meistens, dass keine Käufer mehr im Markt sind und eine Trendwende möglicherweise bevorsteht.
Dies gilt auch wieder analog bei einem Abwärtstrend, hier deutet ein „Spinning Top“ darauf hin, dass sich keine Verkäufer mehr im Markt befinden.


Marubozu

         

Bei der Marubozu-Kerze (japan. „Glatzkopf“) liegt die Besonderheit darin, dass es keine Schatten gibt.

Also liegt das Hoch bzw. das Tief genau am Schluss- bzw. Eröffnungskurs.
Der weisse Marubozu ist also ein langer weisser Körper ohne Schatten und sagt uns, dass die Käufer in dieser ganzen Periode die Oberhand hatten. Er findet sich normalerweise am Anfang eines fortgeführten Aufwärtstrends oder wird ein Teil einer bullischen Umkehrformation.
Analog dazu wieder der schwarze Marubozu für den Abwärtstrend.


Doji

Doji-Candlesticks haben den selben Eröffnungs- und Schlusskurs bzw. einen extrem kurzen Körper. Der Körper sollte zumindestens wie eine dünne Linie erscheinen.

Der Doji ist ein Zeichen für Unentschlossenheit. Die Kurse bewegen sich zwar während der Session, schliessen aber (fast) genau am Eröffnungskurs.
Weder die Käufer noch die Verkäufer waren in der Lage, die Kontrolle zu übernehmen und das Ergebnis ist ein Unentschieden.
Es gibt vier spezielle Arten von Doji-Kerzen. Die Länge der oberen und unteren Schatten kann variieren und der daraus entstehende Candlestick kann wie ein Kreuz, umgedrehtes Kreuz, oder ein Pluszeichen aussehen:

Bildet sich ein Doji in den Charts, ist immer Aufmerksamkeit auf die darauf folgenden Candlesticks zu richten.
Wenn sich zum Beispiel ein Doji nach einer Reihe von Kerzen mit langen, gefüllten Körpern bildet (wie weisse Marubozus), signalisiert der Doji, dass die Käufer erschöpft und schwächer werden. Um den Kurs weiter hinauf zu treiben, würden mehr Käufer benötigt, die aber nicht mehr da sind.


Lange weisse Kerze + Doji

Es ist auf jeden Fall Vorsicht geboten, ein Doji alleine reicht nicht aus, um short zu gehen!
Man sollte auf jeden Fall die Bestätigung in Form einer schwarzen Kerze abwarten, deren Schlusskurs unterhalb des Eröffnungskurses des Dojis ist.
Detto für Abwärtsbewegungen:

Lange schwarze Kerze + Doji


Umkehrmuster

Damit sich ein Muster als Umkehrmuster qualifiziert, sollte ein vorheriger Trend bemerkbar sein. Bullishe (bullish = Aufwärtsmarkt) Umkehrsignale benötigen einen fortgesetzten Abwärtstrend, bearishe (bearish = Abwärtsmarkt) Signale hingegen einen Aufwärtstrend.
Die Richtung eines Trends kann durch Trendlinien, gleitende Durchschnitte oder andere Aspekte der technischen Analyse festgestellt werden.

Hammer und Hanging Man

Der Hammer und der Hanging Man schauen exakt gleich aus, haben aber völlig unterschiedliche Bedeutung, abhängig von der vorherigen Kursbewegung.
Beide haben kleine Körper (schwarz oder weiß), lange untere Schatten und kurze bzw. völlig fehlende obere Schatten.

Der Hammer ist ein bullishes Umkehrsignal, das sich während eines Abwärtstrends formt.

Man nennt ihn deswegen so, weil man sagt, „der Markt hämmert einen Boden heraus“.
Wenn die Kurse fallen, signalisieren Hammer, dass der Boden nahe ist und der Kurs wieder zu steigen beginnen wird. Der lange untere Schatten zeigt, dass die Verkäufer den Kurs tiefer drücken wollten aber die Käufer diesem Druck standgehalten haben und schließlich der Kurs nahe des Eröffnungskurses geschlossen hat.
Man sollte aber keinesfalls automatisch eine Kauforder setzen, nur weil man einen Hammer in einem Abwärtstrend identifiziert hat!
Es ist hier mehr Bestätigung notwendig:
Eine gute Möglichkeit dafür wäre, auf eine weiße Kerze zu warten, die den Schlusskurs über dem Schlusskurs der Kerze auf der linken Seite des Hammers hat.

Erkennungsmerkmale des Hammers:

  •  der lange Schatten ist zwei- bis dreimal so lang wie der Körper
  •  es gibt keinen oder einen sehr kleinen oberen Schatten
  •  der Körper befindet sich am unteren Ende der trading range
  •  die Farbe des Körpers ist nicht wichtig

Der Hanging Man ist ein bearishes Umkehrsignal, das auch auf ein Top- oder Widerstandslevel hinweisen kann.
Wenn der Kurs steigt, deutet die Entstehung eines hanging man darauf hin, dass die Verkäufer beginnen, in der Überzahl gegenüber den Käufern zu sein.
Der lange untere Schatten zeigt, dass die Verkäufer den Kurs während der Session gedrückt haben. Die Käufer konnten zwar den Kurs wieder in die Gegenrichtung zwingen, jedoch nur in die Nähe des Eröffnungskurses.
Das sollte uns alarmieren, da es uns sagt, dass keine Käufer mehr übrig sind, das notwendige Momentum beizubehalten, um den Kurs weiter in die Höhe treiben zu können.

Die Erkennungsmerkmale des Hanging Man sind genau gleich wie beim Hammer, abgesehen davon, dass sich der Körper am oberen Ende der trading range befindet.


Inverted Hammer und Shooting Star

Inverted Hammer und Shooting Star sehen auch identisch aus.
Der einzige Unterschied liegt darin, ob wir uns in einem Aufwärts- oder Abwärtstrend befinden. Beide Candlesticks haben kleine Körper (schwarz oder weiss), lange obere Schatten und kleine oder fehlende untere Schatten.

Der inverted hammer tritt auf, wenn der Kurs fällt und gilt als Anzeichen für eine Trendwende.
Sein langer oberer Schatten zeigt, dass Käufer versucht haben, den Kurs nach oben zu treiben. Die Verkäufer haben versucht, diesem entgegen zu wirken, waren aber nicht erfolgreich. Da es hier also die Verkäufer nicht geschafft haben, einen niedrigeren Schlusskurs zu erzielen, ist das ein guter Indikator dafür, dass alle, die verkaufen wollten, schon verkauft haben. Und dadurch sind nur mehr die Käufer übrig geblieben.

Der shooting star ist ein bearishes Umkehrmuster, das gleich aussieht wie der inverted hammer, aber dann entsteht, wenn der Kurs steigt.
Dieser Candlestick zeigt, dass der Preis am Höchstpunkt eröffnet hat, aber zum Tiefstpunkt zurückgefallen ist. Das bedeutet, dass Käufer versucht haben, den Kurs weiter hinauf zu treiben, aber die Verkäufer in der Überzahl waren und der Kurs dadurch gesunken ist.
Es ist also ein definitiv bearishes Signal, da offensichtlich keine Käufer mehr übrig sind.


Dies waren einige der wichtigsten Chartmuster der Kerzencharts, es gibt hier eine Unzahl weiterer Formationen, die aber den Rahmen dieser Einführung bei weitem sprengen würden.

 

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